Collectiva***** | Carpe Noctem: Spuren der Ekstase
verena

Die Eine und die Andere

Verena Frasnelli

Ich bin Inès. Inès mit der Betonung auf dem é, wie es die Spanier mögen…

Ich bin die Eine. Die Andere kenne ich nicht, weiß nur, dass es sie gibt.

Ich sitze am Tisch des Hotelzimmers, möchte eigentlich noch ein paar Entwürfe für mein nächstes Tattoo zu Papier bringen, kritzle aber abwesend auf dem weißen Blatt…und schreibe dann seinen Namen.

Bald werden wir uns an der Hotelbar treffen. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Er habe grad viel um die Ohren, hat er am Telefon gesagt. Ich kann es kaum erwarten, bin neugierig, ob es Neuigkeiten gibt. Er wollte nämlich mit ihr reden, es ihr sagen, der Anderen.

Ich kaue an dem Bleistift herum und denke an damals, als er ins Tattoo Studio gekommen war. Nach Ines solle er fragen, hatte ihm ein Freund geraten, die habe ein gutes Händchen. Inès, hatte ich ihn korrigiert. Er wolle sich einen Kompass stechen lassen, damit er immer wisse wohin, hatte er schelmisch bemerkt. Ich hatte ihm einige meiner Arbeiten gezeigt und er hatte schon bald gewusst, was er wollte.

Dann waren wir in die Bar gegenüber gegangen und lange, viel zu lange, bei einer Tasse Kaffee gesessen.

Wir hatten uns noch ein paar Mal getroffen. Zuerst zufällig, wie es schien, später mit Verabredung, um schließlich hier zu stranden, wo wir auch jetzt wieder sind.

Es ist Zeit. Ich stehe auf, schlüpfe aus der Jeans und ziehe das T-Shirt über den Kopf. Lasse auch den BH fallen und den Slip. Das neue bronzefarbene Teil, das mich aus dem Schaufenster der Hotelboutique angelächelt hat, liegt auf dem Bett. Ich ziehe es an, hole mein Parfüm aus der Tasche und hülle mich großzügig in eine Wolke aus Jasmin und Tuberose. Ein Blick in den Spiegel. Gut sehe ich aus!

Er sitzt nicht an der Bar. Er sitzt an einem Tisch am Fenster und starrt ins Leere. Sein Blick bohrt sich durch die Scheibe, verliert sich in der Ferne. Dort kann ich ihn nicht einholen. Einmal hatte er gesagt: „Du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben.“ Aber wo bin ich jetzt? In seinem Herzen? In seinen Gedanken? Oder gar anderswo?

Ich lege meine Hand auf seine Schulter und er zuckt zusammen. Und ich ahne, er hat es ihr noch nicht gesagt. Er nimmt meine Hand, lächelt. Und nun ist er wie immer… Bis sein Telefon vibriert. Einmal! Zweimal! Beim dritten Mal entschuldigt er sich, geht hinaus in den Garten und zündet eine Zigarette an. Ich sehe, wie er daran zieht, wie er den Rauch in Kringeln ausbläst, wie er lacht. Ich kann an seinen Lippen seine Worte nicht ablesen. Er dreht sich weg, zeigt mir den Rücken. Hat er was zu verbergen? Und wieder ahne ich, er hat es ihr noch nicht gesagt.

Ich stelle ihn nicht zur Rede. Jetzt nicht, später vielleicht, will die Zeit mit ihm einfach nur genießen. Jetzt ist er bei mir. Jetzt, danach und dann die ganze Nacht.

Hand in Hand gehen wir aufs Zimmer…

Im Morgengrauen löst er sich aus meiner Umarmung, steigt über Kleider und Schuhe und bahnt sich einen Weg ins Badezimmer. Ich höre, wie er das Wasser der Dusche aufdreht und ertaste das Bettlaken am Boden. Sein Telefon liegt dort und blinkt. Die Versuchung ist groß und ich lese. Ich lese und verstehe, dass 1 und 1 plötzlich 3 ist. Ich fühle mich betrogen, könnte schreien, mein Herz bebt, mir ist kalt und ich schwitze. Da will ich nicht mehr mitspielen. Würde ich doch immer nur die Dritte sein, Bronze eben.

Der Kompass, welch eine Ironie, zeigt nur in die eine Richtung, die nicht die meine ist. Ich bin die Andere, die betrogene Geliebte. Eine würdige Verliererin hält die weiße Flagge hoch, mich hält nichts mehr.

Ich sammle meine Kleider auf, alle. Nichts soll zurückbleiben. Und ja, ich gehe. Ich räume das Feld. Kampflos! Lautlos!

Und das Licht im Flur lässt meine Farben glänzen, meine Schritte leichter werden.

Ein spanisches Sprichwort sagt:

¿Cuanto tiempo te quedaras conmigo?

¿Preparo cafè o preparo mi vida?*

Es sollte eben doch nur für einen Kaffee reichen. Aber Kaffee allein reicht mir nicht. Ich will das Leben.

(*Wie lange wirst du bei mir bleiben?

Nur auf einen Kaffee oder mein ganzes Leben?)

 

Carpe Noctem

Spuren der Ekstase

bea

Foto von Bea Hinteregger

katro

Carpe Noctem

Spuren der Ekstase

bea

Foto von Bea Hinteregger

christine

Voll Glanz

Christine Wagner

​Wenn ich mich sachte um mich drehe,
lang genug in den Spiegel sehe,
mich in meinen Augen wiederfinde,
ab jetzt jede Vorsicht unterbinde,
dann kann ich vor die Türe gehen,
was kommen mag, das kann geschehen.

Leise Musik hör ich erklingen,
mein Körper beginnt zu schwingen
und ich tanze mit dem Licht,
fühle mich als wogendes Gedicht.

Nur mit mir will ich mich wiegen,
Haut an Haut mich an mich schmiegen.

Ich bin voll Glanz,
in meinem Tanz.

Mit jeder Faser meines Körpers singen,
Rosen rauschend in mir klingen,
verneige mich mit Eleganz vor mir.

Aus meinen Poren strömt das Licht
nie wieder fahr ich mehr auf Sicht!

Schaltet den Strom aus….

Ich bleib voll Glanz,
in meinem Tanz.

tina

JuliA

Martina Haiböck

Als Juli am Weg von der Bar zurück zu ihrem Hotelzimmer ist, hat sie in diesem menschenleeren Gang das Gefühl, als folge, nein, als nähere sich ihr etwas und berühre sie. Tatsächlich, – die kleine Madonna von Lourdes hat sich an ihrer Seite Platz verschafft und schmiegt sich an sie. Sie kennt sie. Aber seit Kindheitstagen hat sie sie nicht mehr so nahe bei sich gespürt.

…

Seit sie denken kann, stand die kleine weiße Madonna mit ihrem gesenkten Blick, den betenden Händen und den langen wallenden Umhängen auf dem Nachtkästchen ihrer sizilianischen Nonna. Immer auf einem selbstgehäkelten Deckchen, je nach Kirchenkalender in der Farbe, die auch die Ministranten in der Kirche tragen. Lila in der Fastenzeit, rot am Karfreitag, grün an normalen Sonntagen und zu Ferragosto, immer, wenn Julia zu Besuch in Palermo war, zu Mariä Himmelfahrt, ihrem großen Feiertag: auf einem rosa Deckchen. Das ließ sich Nonna Rosa nicht nehmen. 

Einmal wollte Julia sie zum Spielen mit nach draußen nehmen, aber da wurde die Nonna so laut und aufgeregt, dass alle ins Zimmer liefen, aufeinander einredeten und Julia auch ohne viel Italienisch zu verstehen, klar war, Madonnas Platz ist auf dem Deckchen!

Zurück in Deutschland aber, wenn Julia unter ihrer Bettdecke versuchte, den Streit der Eltern, die Schreie der Mutter weit, weit weg von sich in eine andere Welt zu schieben, kuschelte sich die kleine Madonna dann doch fest an sie.

…

An dem Tag, als ihre Mutter starb, wurde aus Julia Juli und die Madonna verschwand. Sie begann ihr Leben auf ihrem Körper zu verewigen. Zunächst klein, kindlich, dann größer, hässlicher, ehrlicher. Sie ging nach Frankfurt. Die Zeichen dieser Zeit musste sie versteckt platzieren. 

Mit dem Job als Sängerin in der Hotelbar konnte sie schließlich ein Leben führen, das ihre Vergangenheit als prickelndes Geheimnis darstellt und sich für ihre Zukunft nicht interessiert. In ihrem glitzernden goldenen Outfit, bauchfrei und ärmellos, zog sie die Blicke auf sich – anziehend, doch ohne sich zu zeigen. Der Glanz des Goldes maß den Abstand, den sie brauchte. 

…

Nach der Diagnose fuhr sie nach Sizilien zu Nonna Rosa. Sie erzählte nichts und Rosa fragte nicht, sie kochten Arancini und Caponata, saßen im Garten und betrachteten das Meer.

Als Rosa die Perücke bemerkte, nahm sie Juli in die Arme und wiegte sie. Wiegte sie, bis die Tränen ein Ende fanden. Von diesem Tag an stand die kleine Madonna im Gästezimmer auf dem Nachtkästchen neben Julis Bett. Das Deckchen war lila, dann grün, dann rosa. Dann kehrte Juli nach Deutschland zurück.

…

In diesem Hotelgang nun ist die kleine Madonna endlich wieder bei ihr. Zärtlich legt Juli ihre Hand um sie – und nimmt ihre Perücke ab. 

Eine wunderschöne Rose ziert Julias rechte Schulter.

andrea

Du und Joe

Andrea Bodner

Du warst wie ich.

Du warst frei und die Welt gehörte dir und deinem Traum. Mit deinen Liedern wolltest du die Menschen glücklich machen. Einen Konzertabend lang.

Für die Gesangsstunden brauchtest du Geld. Als du die Anzeige sahst, dass ein Koch m/f/d gesucht wurde, bist du los. Hin zu Joes Kneipe.

„Hi, ich bin Maria und hier wegen dem Job“, so stelltest du dich vor, und alle starrten dich an. Ein Wesen von einem anderen Stern: einen Meter sechzig groß und mit Haaren, so hell wie Licht. Die Alten unterbrachen ihr Kartenspiel. Pit, der Kettenraucher, der immer auf dem Hocker in der Ecke saß, hatte soeben seine Kippe ausgedrückt und vergaß tatsächlich, sich eine neue anzuzünden. Wäre alles nur ein Film gewesen, die Musik wäre in diesem Augenblick verstummt.

„Dieser Job ist nichts für kleine Mädchen“, antwortete Joe, während er mit seinem dreckigen Tuch die Theke polierte. Gerade so, als wollte er selbst ein wenig glänzen.

Du bewegtest dich keinen Millimeter, sahst ihn nur an und fragtest, ob er hier der Chef sei.

Joe lachte kurz: „Ja, das bin ich. Ich bin Joe. Ich bin der Chef. Und ich entscheide. Die Arbeit ist was für jemanden, der weiß, was zu tun ist.“

In deinen Augen gab es ein Flackern, ein Knistern, so als hätte Joe gerade Brandbeschleuniger verwendet. Keiner wie Joe sollte dir sagen, was du zu tun hattest. Dein Traum war größer.

„Ich weiß, was deinen Gästen schmeckt“, kontertest Du.
Joe sah dich an. Er brauchte dringend jemanden in der Küche. Ich war seit einem Monat verschwunden. Joe erzählte, ich wäre eine Schlampe, hätte mich aus dem Staub gemacht und ihn im Stich gelassen. Niemand hakte nach.

Aber zurück zu dir. Natürlich merktest Du, dass Joe angebissen hatte. Alle warteten auf seine Reaktion. Pit hielt das Feuerzeug in der Hand, wagte aber noch immer nicht, den neuen Glimmstängel anzuzünden. Die Rentner riskierten vom vielen Glotzen bereits einen Hexenschuss. Als Joe endlich nickte, wurden sie erlöst.

Er kommandierte dich in die Küche. „Fleisch ist im Tiefkühlfach, Kartoffeln stehen gleich daneben! Das ist deine einzige Chance, Mädchen. Alles klar?“, brachte er deinen Auftrag auf den Punkt.

„Jungs, heute Abend gibt es Testessen zum Sonderpreis“, verkündete er laut.

Als du an dem Abend aus der Küche kamst, sagte Joe: „Auf Probezeit. Du arbeitest von Donnerstag bis Sonntag von 4 bis 10. Von 6 bis 8 muss das Essen pronto sein. Was du kochst, das steht hier drinnen und wie du es hinbekommst, ist deine Sache“. Damit schob er dir die Menükarte zu. „Ich kaufe ein. Du bleibst in der Küche und schiebst die fertigen Teller hier durch. So wie heute“, fügte er noch hinzu und deutete mit einer knappen Kopfdrehung auf die Luke hinter sich.

„Chef, da wäre noch was!“, kam es bestimmt aus deinem Mund. Dabei riebst du Daumen und Zeigefinger aneinander, um klar zu machen, dass Arbeit auch bezahlt werden muss.

„60 € pro Tag während der Probezeit. Was danach ist, werden wir sehen.“ Damit war das Thema für ihn erledigt, und er schlurfte davon.

„Sklaventreiber“, murmeltest du. Ich konnte es hören.

„Bis morgen“, riefst du ihm hinterher.

Am nächsten Tag fingst du an, die Küche zu putzen. Tut mir leid. Ich war noch nie besonders ordentlich, das muss ich zugeben, und in der letzten Zeit waren mir die Töpfe und Pfannen nur noch zuwider. Joe hatte mich wieder mal verprügelt, und ich war lieber draußen, im Hinterhof. Dort, neben dem wilden Rosmarin, träumte ich von Freiheit und schmiedete an meinen Fluchtplänen. Wenn ich mit der Hand über den Strauch fuhr, saugte ich den herben Duft ein. Er blieb an meinen Händen hängen, mischte sich mit dem Geruch meiner Zigarette. Manchmal hielt er auch noch an, als ich wieder in der Küche stand. Du hingegen legtest kleine Rosmarinzweige auf die Teller und serviertest sie den Gästen.

Sie liebten dich dafür.

Die Nachricht, dass man bei Joe wieder essen konnte, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Joe lachte sich ins Fäustchen, während du unsichtbar bliebst, versteckt hinter der Luke. Nur der Duft des Rosmarins verriet deine Anwesenheit.

Am Ende der Probezeit stellte er die Flasche auf den Tresen und spendierte dir einen Schnaps. Sogar Pit bekam etwas von dem Zeug ab. Joe fing an, Fragen zu stellen, wollte wissen, was du in deiner Freizeit so treibst. Nach dem sechsten Schnaps erzähltest du ihm von deinem Traum. Vom Singen. Auf einer Bühne.

„Wenn du singen kannst, dann kannst du sicher auch tanzen. Zeig mal!“, sabberte er.

Natürlich konntest du die Gefahr riechen. Du standest auf, lachtest sogar, als hätte er einen Witz gemacht und lachend sagtest du zu ihm: „Ich arbeite für dich. Tanzen musst du mit einer anderen.“ Kurz nach dir ging auch Pit.
Am nächsten Tag fing Joe an, in die Küche zu kommen.

Eine Gabel holen.

Nach dem Salz fragen.

Wie ein streunender Straßenköter schlich er um dich herum. Seine Nähe ließ dich frösteln. Du sagtest: „Joe! Damit das klar ist. Ich koche und du bezahlst mich dafür. Sonst läuft da nichts. Verstanden!“, und Du dachtest, dass deine Meinung zählt.

Als du dich immer mehr in die Enge getrieben fühltest, trafst du den Entschluss zu gehen. Du wolltest mit ihm reden.

Er wollte mit dir reden. Später. Allein.

Als niemand mehr im Lokal war, hast Du seine Hand abgeschüttelt. Du hast gesagt, dass er dich ziehen lassen soll.

Hat er nicht.

Jetzt bist du tot.

So wie ich.