Josefs Vater
„Wenn der letzte Tautropfen vom Blatt fällt, NACHDEM der Zug an mir vorbeigekommen ist und in den Bahnhof einfährt, dann ist Vater im Zug!“
Es war nicht der erste dieser Züge, die in unregelmäßigen Abständen in den kleinen Bahnhof der Stadt einfuhren, aber es war der nächste.
Josef hatte sich auf die Böschung neben dem Bahngleis gesetzt. Das Gras war taunass und der Hosenboden seiner Knickerbocker bereits feucht. Er hatte gewartet, wie bereits andere Male zuvor, auf die Gleise gestarrt und dann diese Blüte – alt, schwach, vertrocknet – mit ihren spitzen Blütenblättern entdeckt. Voller Tautropfen, die langsam die Blätter entlang rannen und hinunter ins Gras fielen.
Vom Bahnhof her hörte er die Stimmen der Menschen, die zu diesem Anlass ihre Sonntagskleidung hervorgeholt hatten und nun angespannt und hoffnungsvoll die Gleise Richtung Osten beobachteten. Auch die Musikkapelle war wieder da. Ab und zu vernahm Josef einen vereinzelten Trompetenton oder den Klang einer Klarinette, wenn die Musiker nervös in ihre Instrumente bliesen, damit dann im entscheidenden Moment der Ankunft des Zuges, alles reibungslos funktionierte, alles schön erklang.
Seine Mutter und Lisl standen drüben am Bahnhof, aber er wollte diesmal nicht zwischen all diesen Menschen stehen. Wenige hatten bisher glücklich den Bahnhof verlassen, wiedervereint mit ihren Männern, Söhnen, Brüdern, die sich verschreckt und überwältigt von all dem Trubel am Arm ihrer Verwandten nach Hause führen ließen.
Josefs Vater war der Mann in der Uniform, mit dem tapferen Lächeln und den warmen Augen, die ihm seit Jahren von der Kredenz im Wohnzimmer zusahen, wenn er aß, Hausaufgaben machte oder spielte. Der Mann, dessen Namen er trug. Aber keine Stimme, keine Geste, kein Lachen kam von diesem Foto, keine Erinnerung konnte dies ergänzen.
Aber jetzt, jetzt war der Krieg vorbei, jetzt waren schon andere nach Hause gekommen, jetzt würde der Zug bald einfahren. Und wenn der Tropfen sich Zeit ließe, wenn er die Kraft hätte, sich noch ein klein wenig am Blatt festzuhalten, der Schwerkraft zu trotzen, dann …
Josef, Lisl und Mutter hatten es sich in der kleinen Wohnung so eingerichtet, dass der Krieg nicht hereinkam. In der Schule hatte er gehört, vom großen Führer, den tapferen Helden, dem baldigen glorreichen Sieg, aber zu Hause wurde gesungen. Gesungen, wenn der Hunger kam, wenn die Sirenen heulten und wenn die Mutter Waschtag hatte. Wie viele Lieder die Mutter kannte, um den Krieg vor der Tür zu halten.
Nun sagte man, der Krieg wäre verloren, der Lehrer sprach von Algebra und Adjektiven und die Lieder der Mutter wurden leiser.
Der Pfiff des nahenden Zuges, die Durchsage des Bahnhofsvorstehers und die ersten Töne des Marsches erklangen in dem Moment, als auch Josef den Zug erspähte. Als er aufsprang und zum Bahnhof rannte, hatte er den Tropfen schon vergessen.
Einsame Schönheit
Still und einsam fängt sie das Licht des Morgens ein
und glänzt für sich allein.
Berührt ganz zärtlich ihre Wunde
und bewahrt in einer Träne das Grün des Sommers auf.
In Demut gibt sie sich dem Vergehen hin,
lässt sich fallen,
lässt sich fließen,
lässt sich einfach nur
sein
einsame Schönheit.
Der Abschiedsbrief
Andrea Bodner
Die Schwüle war kaum auszuhalten, obwohl der Nachmittag bereits in den Abend überging. Dazu schmerzte Maries Rücken. Sie machte dennoch weiter. Beharrlich zupfte sie jedes Unkraut zwischen den Brokkolipflanzen, die dieses Jahr nicht so recht gedeihen wollten.
Immer wieder wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und sah zum Himmel hoch, wo sich dunkle Wolken zu einem Unwetter zusammenbrauten. Als sie in der Ferne Donner grollen hörte, riss Marie die letzten Pflanzen aus, die nicht ins Beet gehörten und suchte Zuflucht in der Gartenlaube. Dort streckte sie den Rücken durch, dann holte sie ein Glas aus der kleinen Vitrine, füllte es mit frischem Wasser und trank es stehend in einem Zug leer. Erst als sie es nachgefüllt hatte, setzte sich an den Tisch, um sich auszuruhen.
Der Wind wurde stärker. Erste Tropfen trommelten auf das Dach der Laube. „Lasst los, ihr schwarzen Wolken!“, seufzte Marie und lehnte sich zurück. Es klang wie eine Einladung an sich selbst. Sie nahm das Handy aus der Hosentasche, bog die Hülle zurück und holte ein zusammengefaltetes Blatt Papier hervor. Die Falzkanten waren schon faserig. Vorsichtig nahm sie es auseinander und begann zu lesen.
Liebe Marie,
ich kann nicht mehr. Bitte verzeih mir das Leid, das ich dir gebracht habe und das ich dir mit meinem Schritt noch zufüge. Für mich bedeutet er Erlösung, und ich hoffe auch für Dich.
Ich kann nicht mehr. Die Krallen der Dunkelheit ziehen mich an allen Seiten in die Tiefe und quälen mich Tag und Nacht. Ich bin ein Gefangener in ihrem Labyrinth. Selten nur kann ich das Licht der Hoffnung in der Ferne leuchten sehen, mich in seine Richtung schleppen, bevor die Dunkelheit mich wieder ruft.
Ich kann nicht mehr.
Ein Ausweg ist mir noch geblieben. Es ist die Freiheit, entscheiden zu dürfen. Diese Klarheit ist das Einzige, das mir Hoffnung schenkt.
Liebste Marie, verzeih mir, wenn ich diese Entscheidung alleine treffe. Es geht nicht anders.
Mein größter Wunsch ist Erlösung für mich und auch für dich.
Dein Theo
Der Brief sank in ihren Schoß. Marie blickte zum Foto, das an einem der dicken Holzpfeiler festgenagelt war, die die Laube trugen. Darauf lachten sie und Theo in die Kamera. Es war an seinem Geburtstag aufgenommen worden. Kurz nach seiner Pensionierung. Einer der guten Tage.
Traurig wandte sie ihren Blick ab und ließ ihn am Holzpfeiler entlang zu Boden schweifen. Dort blieb er an einer Pflanze hängen. Unkraut, war Maries erster Gedanke. Ausreißen. Sie erkannte einen nackten Löwenzahn. Die meisten seiner Schirmflieger waren bereits vom Wind in alle Himmelsrichtungen verweht worden. Die letzten hatte der Regen verklebt. In Kürze, überlegte Marie, würden sie trocknen, sich loslösen und fortfliegen. Sie beschloss, die Blume stehen zu lassen.
Paulchen
Christine Wagner
Marie ist während des Sommers seine Babysitterin, wir brauchen sie, hat ihm seine Mama erklärt. „Ich muss arbeiten und du muss gut mit ihr auskommen“. Und seufzend hinzugefügt: „Wenn ich nur früher daran gedacht hätte!“. Nach der Trennung der Eltern sind sie vor zwei Monaten nach Wien gezogen. Hier ist alles anders und im Sommerkindergarten war kein Platz mehr für ihn gewesen. Er mag Marie nicht, die lieber mit dem Handy spielt statt mit ihm, lieber Musik hört als auf ihn und die meiste Zeit in der Wohnung hockt. Ihm fehlen seine Freunde aus dem Dorf und ihm ist langweilig.
Er geht in sein Zimmer, stellt sich zum Fenster und starrt, wie schon so oft vorher, auf den engen Hof, der von hohen Häusern umschlossen ist. Nur ein Baum unterbricht das Grau. Seine Blätter rascheln im Wind und wenn er die Augen schließt, stellt er sich vor mit ihnen zu tanzen.
Als er sich gerade traurig abwenden möchte, bleibt sein Blick an etwas Gelbem hängen, das er nicht erkennen kann. Dort im Eck, in dem Frau Maier immer wieder heimlich ihren Biomüll entsorgt, worüber Mama sich fürchterlich aufregt. Mit einem Mal ist er hellwach.
Das Fenster ist schon sehr hoch, aber… Er weiß, es ist verboten allein hinauszugehen. Die große Stadt, er kennt sich noch nicht aus, er könnte sich verirren. Er hat es hoch und heilig versprochen, er war sich auch sicher, dass er das niemals tun würde… Um den Griff zu erreichen, rückt er den Stuhl zum Fenster. Er will gerade hinaufklettern, als Marie nach ihm ruft. Abendessenszeit. Kurz darauf kommt Mama heim und schickt ihn ins Bett.
Paulchen träumt in der Nacht von runden Ecken und sonnenüberfluteten Höfen, obwohl die Regentropfen gegen die Scheiben seines Zimmers klopfen.
Am nächsten Tag ist Samstag, also Einkaufstag. Mama wundert sich, dass Paulchen sich nicht wie sonst sträubt, sondern freiwillig mitkommt und sogar das Klopapier nach Hause trägt. Kurz bevor sie die Haustür erreichen, ruft er Unverständliches und ist weg, bevor Mama sich umdrehen kann.
Eine Blume! Sie ist klein, ganz kahl und winzige Tropfen tanzen auf ihr. Oh, sie hat die Farbe verloren, aber das ist egal. Löwenzahn bleibt Löwenzahn. Er weiß Bescheid, denn sein Vater hat ihm erklärt, dass die Blüten ganz schnell verblühen können. Sofort fallen ihm die Löwenzahnblumenketten ein, die Fritz, sein bester Freund vom Dorf, und er gebastelt haben. Sie sahen aus wie goldgelbe Kronen und sie haben sie vorm Kreißlerladen um ein paar Cent verkauft, um sich nachher ein Eis leisten zu können. Manchmal sind sie den ganzen Tag vor dem Geschäft gesessen, langweilig war es nie. Vorsichtig berührt er die kleine Blume, bläst die Tropfen weg und denkt sie sich gelb. Er läuft erst zu seiner Mama zurück, als deren Tonlage beim Nach-ihm-rufen schon bedenklich hoch ist.
Natürlich will er ihr alles erzählen, aber sie winkt müde ab und hört ihm nicht zu.
Nach dem Mittagessen legt sich Mama auf das Sofa und als Paulchen sieht, dass ihr die Augen zufallen, schnappt er sich seinen Malblock und ein paar Farben und läuft in den Hof. Am liebsten würde er die Blume detailgetreu aufs Blatt bringen, aber da das so schwierig ist, malt er einfach kleine gelbe Kugeln, die er mit schwarzen Punkten verbindet. Viele gelbe Kugeln bringen viele Erinnerungen mit sich und mit einem Mal muss er weinen und kann erst aufhören, als Mama, die plötzlich neben ihm kniet, ihn fest in die Arme nimmt.
Sie hocken neben der kleinen Blume am Boden. Mama und Paulchen. Und Mama hat endlich Zeit für ihn und hört ihm zu.
Danach telefoniert Mama mit seinem Vater und mit der Mutter von Fritz. Schon nächstes Wochenende darf er ins Dorf fahren und eine Zeitlang dortbleiben. Er tanzt voll Freude über den Hof. Bald wird er wieder gelbe Kronen basteln. Und Marie ist er auch los!






