Ein neuer Tag
Andrea Bodner
Schließlich steht er auf. Leise erlässt er das Haus. Es ist nicht weit runter bis zur Piazza San Marco und rüber zur Anlegestelle der Gondeln.
Um diese Uhrzeit sind nur wenige Jogger unterwegs. Ein paar Fotografen. Und Hunde mit ihren willenlosen Besitzern.
Die Luft ist noch kühl von der Nacht. Graublau wird langsam zu Rosa, geht über in ein leuchtendes Hellgelb, das sich in der Sonne auflöst. Beppe schaut hinüber auf San Giorgio, hört die Möwen kreischen. „Er ist wieder da!“, rufen sie sich zu.
Beppes Finger haben in der Hosentasche eine kleine Münze erspürt. Unablässig drehen sie das dünne Geldstück. Es fühlt sich unnachgiebig an, stabil, denkt sich Beppe.
Beppe atmet die salzige Luft ein und fühlt die Feuchtigkeit des Meeres auf der Haut. Sein Blick schweift vom Wasser zur Piazza und verweilt auf den Gondeln, die an ihren Holzpfählen festgetaut sind. Im Rhythmus der Wellen wippen sie auf und ab. Sie recken sich ungeduldig dem Meer entgegen. Gebannt starrt Beppe auf den edlen Hals, folgt dessen stolzer Linie, die in den fülligen Körper übergeht. Das schwarze Fell glänzt matt. Unruhig warten sie in ihren Startboxen. Immer wieder treten sie nervös von einem Fuß auf den anderen. Längst hat ihre Spannung auch den Jockey erfasst, das Publikum. Mit dem Startschuss öffnen sich die Türen. Stürmisch jagen die Pferde davon.
Black Ribbon, der Favorit, geht in Führung. Romano ist ihm dicht auf den Fersen, an zweiter Position. So kommen sie aus dem ersten Bogen heraus und gehen in die Gerade hinein. Die Lücke zwischen Romano und Black Ribbon wird schnell kleiner. Romano könnte es schaffen! Er kann es schaffen, wenn er am Ende des Schlussbogens noch einmal alles gibt. Die Zielgerade beginnt. Black Ribbon, eng gefolgt von Romano, marschiert los, und Romano hält mit. Plötzlich taucht Kratos an der Innenseite auf, macht Boden, läuft den anderen davon. Gewinnt.
Romano hätte siegen können, das weiß Beppe. Mit Kratos hatte niemand gerechnet.
Beppe greift die Münze in seiner Hosentasche und wirft sie den Gondeln zum Fraß vor. Dann geht er zur Arbeit.
Sehnsucht in 8 Booten
Christine Wagner
- Im Glanz des Schattens. Kann ich bleiben.
- Dunkel und hell. Wünsche vergehen schnell. Wird einer gestillt, die Alarmglocke schrillt.
- Meine Seele verirrt sich im Gewirr der Gassen und Brücken. Das Boot, das mich mitnimmt, fährt gerade aus.
- Klatschen der Wellen gegen das Boot, Windhauchsäuseln im Ohr. Vom Kreuzfahrtschiffsdonner überrollt.
- Am Meer ist es unendlich weit bis dorthin. Oder hierhin. Oder ganzwoandershin. Ich ziele mit meinen Gedanken direkt ins Meer und versenke sie. Tiefgang garantiert.
- Die vergessene Sonnenbrille wird durch die rosarote ersetzt.
- Wenn die Sonne hier untergeht und dort auf. Wo ist dann mein Schatten?
- Das letzte Boot ist leer.
Das Rauschen des Meeres
Er sah den Stückchen nach, die von der Strömung weggetragen wurden, sich mit Wasser ansogen und vermutlich bald untergehen oder an einem Ast hängen bleiben würden. Er aber schickte seine Geschichte auf Reisen, von diesem Bach in den Fluss, von dem Fluss in den Strom und mit ihm ins Meer.
„Preferisco il rumore del mare”, erinnerte sich Jakob, war die Erklärung gewesen, die Paolo damals gegeben hatte, als er, seinen Koffer in der Hand, die Wohnung – ihn – verlassen hatte. Il rumore del mare.
…
Die ersten Tage des Wehrdienstes waren schrecklich für Jakob gewesen. Er kam aus einem kleinen Bergdorf, von einem Bauernhof an einem steilen Hang, er hatte die Schulpflicht im nächstgelegenen größeren Ort erfüllt, aber sein Dorf sonst kaum verlassen.
Woanders, in einer anderen Welt gingen die jungen Menschen auf die Straße, wagten Neues, missachteten das Tradierte und forderten Regeln heraus. Er aber machte, was gemacht werden musste und landete so in einer Kaserne am anderen Ende seiner ihm bekannten heimatlichen Welt, am weitesten weg von allem. Er war einsam.
Als Paolo kam, waren sie gemeinsam einsam, das half. Mehr war nicht vorstellbar, denkbar, lebbar. Die Blicke konnten alles oder auch nichts bedeuten, berühren oder nur beobachten.
Nach dem Militärdienst hatte Paolo die Heimreise nach Venedig immer wieder hinausgezögert, er müsse noch besser Deutsch lernen, er wolle noch mehr Berge besteigen, er wolle bei ihm bleiben … Nein, das hatte er nicht gesagt, aber er war geblieben.
…
Die Arbeit, die Jakobs Vater für ihn in der Provinzhauptstadt gefunden hatte, machte Jakob Spaß und er fand Gefallen an der Anonymität, der Freiheit der Stadt. Wohngemeinschaft war eines der neuen Dinge, die er hier kennenlernte. Zusammenleben, mit wem man will, mit Paolo.
Über sich und ihn in dieser Wohnung würde Jakob nie ein Wort verlieren, weit draußen wurden alle Regeln hinterfragt und gebrochen, dazwischen wurde bewahrt und erhalten – und in der Wohnung waren sie.
…
„Das ist irgendwie wie die Frage, wer besser ist, die Beatles ODER die Rolling Stones? Da gibts doch keine Antwort, oder?“, hatte Paolo einmal auf einer ihrer Bergtouren im Hochgebirge gesagt. „Ich meine, ich liebe die Berge, ihre Stärke und Erhabenheit, sie fordern heraus und bieten Schutz, aber sie können alles auch ganz schön eng machen, verstehst Du, was ich meine?“ „Und das Meer, weißt Du, kann so langweilig sein, die Wellen kommen und gehen, kommen und gehen. Aber ich liebe auch diese Weite, die Freiheit, das Endlose. Ich sag´s Dir, Beatles UND Rolling Stones, oder was meinst Du?“
Er aber war nur mit den Bergen vertraut, das Meer kannte er nicht. Damals wäre er so gern einmal ans Meer gefahren, hätte das Rauschen des Meeres mit geschlossenen Augen in sich aufgesogen, wie das Papier nun das Wasser, und den Sand unter den Füßen erspürt. Nach Paolos Fortgang tat er das nie.
…
Jakob hatte das Foto zufällig in einem der Bücher gefunden, die er damals gelesen, aber längst vergessen hatte und nun nicht ins Pflegeheim mitnehmen konnte. Es war herausgefallen und als er es aufhob und sie sah, die zwei Burschen, voller Stolz strahlend, sich umarmend unter dem Gipfelkreuz, beschloss er, sie endlich gemeinsam ans Meer zu schicken.
L‘aurora
“Contare le aurore
fuori e dentro di me
ascoltare il silenzio
in tutte le lingue del mondo
finché qualcuno poi fa il mio nome
mi alzo
mollo gli ormeggi
e prendo il largo
nuovamente
voglia di vivere – sempre”
Punkt setzt er keinen, weil seine Geschichte weitergeht. Der alte Gondogliere lässt sein Heftchen zufallen und steckt es in die Jackentasche. Das Schiffshorn ertönt, ein leichter Ruck folgt und dann legt es ab Richtung Horizont.
Er nähert sich der Reling. Vor ihm liegt das offene Meer. Er weiß, wie es riecht, wenn der Wasserpegel sinkt und wie gefährlich hoch es bei Flut ansteigen kann, acqua alta a Venezia. Er kennt seinen Salzgeschmack auf der Zunge, auf den Lippen und liebt all die Farben, die es im Sonnenlicht annehmen kann.
Seine Weite aber kennt er nicht. Noch nicht!
La Serenissima, wie die Venezianer ihre Stadt liebevoll nennen, lässt er nun hinter sich. Er kennt jeden Kanal, jede Brücke, jeden Anlegeplatz. Er weiß, in der Osteria Al Porto gibt es die besten Austern und die Möwe mit dem verletzten Flügel wartet dort am Steg immer auf einen Happen; der Portier des Grand Hotel ist kurz vor ihm in Rente gegangen und Signorina Alba vom Fahrkartenschalter trinkt ihren Espresso am liebsten kalt.
Der alte Gondogliere richtet seinen Blick wieder auf die unendliche Weite.
Er will nun andere Sonnenaufgänge zählen, der Stille neuer Sprachen lauschen, seinen Namen an fernen Horizonten hören und den Anfang jenes Zaubers genießen, der allen Dingen innewohnt – sempre…






